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Flucht in den Ustermer Schrebergarten

 

Den Kopfsalat in der Hand statt die Decke auf dem Kopf

 

Während der Corona-Krise wird der Schrebergarten zum Rückzugsort. Ein Augenschein in der Püntenanlage Winikerwiesen, wo Kulturen aufeinander treffen, man sich zähneknirschend den Bundesvorgaben fügt – und ein Problem offenbar immer noch nicht ganz gelöst ist.

 

BenjaminRothschild
Mittwoch, 29. April 2020, 07:10 Uhr
 
 
Wer in diesen Zeiten wegen der dichtgemachten Grenzen von Fernweh geplagt wird, sollte die Schrebergartenanlage Winikerwiesen in Uster aufsuchen. Nicht nur spriessen dort mitunter Pflanzen und Gemüsesorten, die man für gewöhnlich mit dem warmen Süden in Verbindung bringt. Auch die Beflaggung der einzelnen Parzellen dürfte beim einen oder anderen Ferienerinnerungen oder –träume wecken. Spanien! Portugal! Brasilien! Kroatien! Das Wallis! Die grösste Schrebergartenanlage in Uster ist ein Schmelztiegel der Kulturen.
 
 

Garten statt «Uschter 77»

An diesem sonnigen Montagabend nach Wiedereröffnung der Gartencenter und vor dem Wetterumschwung sind zwar zahlreiche Pünteler auf der Anlage. Disziplinlosigkeiten sind jedoch kaum festzustellen.

 

Für Deniz Akkin ist der Schrebergarten derzeit Fluchtort, Therapie der Wahl und Versorger.
Foto: Christian Merz

 

«Hier muss ich keine Angst haben, mich anzustecken.»
Deniz Akkin, Schrebergärtner

 

 

«Der Schrebergarten ist eine heile Welt –
nicht erst seit Ausbruch des Coronavirus.»

Waldburga Meier, Vizepräsidentin Püntenverein Winikerwiesen

 

Auf der Parzelle von Waldburga Meier ist das Ambiente eher schweizerisch. Ein Chalet-artiges Gartenhäuschen strahlt Heimeligkeit aus, der Rasen ist proper, ein kleiner Löwe aus Stein bewacht die Szenerie. Meier ist Vizepräsidentin des Schrebergartenvereins, auch Püntenverein genannt, und aktuell jeden Tag vor Ort.

Das Coronavirus hat die Freizeitmöglichkeiten drastisch eingeschränkt und für die Pünteler wird der Garten in diesen Tagen umso mehr zum bevorzugten Rückzugsort. «Der Schrebergarten ist eine heile Welt – nicht erst seit Ausbruch des Coronavirus», sagt Meier. In den letzten Wochen sei die Anlage indes so gut besucht gewesen, wie sonst nie zu dieser Jahreszeit. «Aufgrund des Virus haben viele Leute ihre Parzelle früher als üblich auf Vordermann gebracht. Das ist positiv.»

 

Kein «höcklen und plaudern»

 

Anders als in der Stadt Zürich sei die Nachfrage nach Gärten in Usters grösser Püntenanlage bislang aber nicht gestiegen. Grossstadthipster, die von Land-Sehnsüchten geplagt werden, gibt es in Uster offenbar nach wie vor kaum. Dafür ist die drittgrösste Stadt des Kantons wohl noch immer zu ländlich.

 

 

Früher als üblich brachten die Schrebergärtner ihre Parzellen in diesem Jahr auf Vordermann.
Ein Streifzug mit der Kamera durch die Püntenanlage Winikerwiesen. (Video: Laurin Eicher)

Die Stammklientel aber strömt zurzeit rege in den Garten. An den Wochenenden seien bei schönem Wetter bis zu 300 Personen zugegen und auch unter der Woche fänden sich auf den meisten Parzellen Pünteler ein.

Das führt zur Frage, wie es denn in der Anlage um die Einhaltung der Abstandvorschriften bestellt ist. Meier betont, dass die Gemeinschaftsräume aktuell geschlossen seien. Tatsächlich findet sich auf dem Fenster des «Stüblis» ein Zettel mit der Aufschrift: «Gemäss Bundesamt für Gesundheit bleibt das Stübli bis auf Weiteres geschlossen.»

Dass man die Vorgaben aus Bern im Ustermer Kleinod offenbar eher zähneknirschend umsetzt, kommt nicht von ungefähr. «Die Gemeinschaftsorte sind im Schrebergarten sehr wichtig. Man trifft sich dort, bleibt höcklen und plaudert. Das fehlt uns zurzeit schon», sagt Meier.

 

«Er spielt Polizist»

Auf den Parzellen sind die Schrebergärtner selbst dafür verantwortlich, dass die Bundesvorschriften eingehalten werden. Das funktioniere grundsätzlich ganz gut, betont Meier. Sie sagt allerdings vorsichtig, dass es diesbezüglich «gewisse Unterschiede» zwischen den Kulturen gäbe. «Es gibt jene, für die ist das Zusammenkommen von Familie und Freunden zentraler als bei anderen. Bei ihnen kommt es vielleicht etwas häufiger zu Ansammlungen, aber grundsätzlich herrscht Disziplin.»

 


Ein Gärtnerpaar, das nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen will, formuliert es etwas drastischer: «Es gibt viele, die zu nahe zusammensitzen», sagt die Frau verärgert. Dies sei jedoch nicht nur im Schrebergarten so, sondern auch am See oder an anderen stark frequentierten Orten. Ermahnen tue sie die Fehlbaren jeweils nicht – ihr Mann aber schon. «Er spielt Polizist», sagt sie in seinem Beisein. Er widerspricht nicht.

 

 


Das mag auch daran liegen, dass zu dieser Zeit viele Gärtner ihre Parzellen alleine beackern. «Ich meide die Menschen in diesen Tagen», sagt Deniz Akkin. Und der Garten sei gerade während der Corona-Krise als Rückzugsort ideal. «Er ist für mich nicht nur Hobby und ideal zum Stressabbau. Hier muss ich auch keine Angst haben, mich anzustecken.» Den Salat baut er in diesen Tagen selbst an, Supermärkte meidet er. «Das hier», sagt er und hält einen Kopfsalat in die Höhe, «das hier ist wirklich bio».

Normalerweise arbeitet Akkin als Schneider im Einkaufszentrum Uschter 77, zurzeit ist sein Geschäft bis zum 11. Mai geschlossen. Darüber ist der gebürtige Türke nicht nur betrübt: «Hier im Garten ist es sicher schöner als im Uschter 77», sagt er mit einem Schmunzeln.

 

Lob für den Neuen

Im Garten von Ristena Miletic weht an einem Mast befestigt die serbische Fahne. Unmittelbar hinter ihr: Eine Flagge mit dem schnaubenden «Hopp Schwiiz»-Stier.

«Wir sind zurzeit lieber hier als in unserer Wohnung», sagt sie. «Es ist so schön ruhig.» Tatsächlich ist ihr laut bellender Hund an diesem Abend die einzige Lärmquelle im Garten.

 

Ristena Miletic und ihr Mann schätzen die Ruhe in der Gartenanlage - während der Corona-Krise umso mehr.

Eine andere Püntelerin grüsst Miletic und beginnt vom jungen Italiener zu schwärmen, der soeben mit seinem Sohn in der Schubkarre vorbei ging. «Er ist ein Neuer, aber ein ganz Guter», sagt sie. «Er packt an und legt sich ins Zeug. Nicht wie andere, die die Anlage hier für einen Freizeitpark halten.»

Der Gelobte wiederum räumt ein, dass sein Aktivismus im Garten auch mit der momentanen Situation zu tun habe. «Statt die Zeit ständig mit einem Kind in einer Wohnung im ersten Stock zu verbringen, bin ich lieber hier», sagt er.

 

 

Und die Toiletten?

Vor dem Abschied drängt sich dem Besucher noch eine Frage auf: Wie ist es in diesen Tagen eigentlich um die WC-Situation bestellt? Die Toiletten waren im Schrebergarten Winikerwiesen während Jahren ein Politikum. Die Pünteler bemängelten, dass die Notdurft über Jahrzehnte im Erdreich versickerte und verlangten einen Kanalisationsanschluss. Die Stadt, der der Garten gehört, sprach nach einem entsprechenden Gemeinderatsbeschluss 400‘000 Franken für einen Kanalisationsanschluss und eine Sanierung.

Seit diesem Frühjahr stehen den Schrebergärtnern nicht mehr nur eine Toilette, sondern zusätzlich ein Pissoir, ein Damen- sowie ein Behinderten-WC (allesamt mit Kanalisationsanschluss) zur Verfügung. Theoretisch. Denn irgendwie scheint es mit der Abnahme der neuen sanitären Anlage zu harzen, weshalb aktuell nur eine Toilette in Betrieb ist.

Darauf angesprochen, geben sich die meisten Pünteler wortkarg und winken ab. Offensichtlich ist: An ihrem Drang, in diesen Tagen den Garten vermehrt aufzusuchen, vermag die nach wie vor nicht ganz geklärte Toilettensituation nichts zu ändern.

 

 

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